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Marzi: Eine Kindheit in Comicform – Zeitgeschichte aus erster Hand

Die eigene Kindheit zu erzählen ist eine intime und kraftvolle Übung. Es als Comicbuch zu tun, ist umso gewagter. Doch genau das hat Marzena Sowa mit Marzi geschafft – eine autobiografische Graphic Novel, die uns durch die Augen eines Kindes in das Polen der 1980er Jahre eintauchen lässt. Diese Kindheitserzählung, mit Ehrlichkeit und Feingefühl erzählt, entführt uns in einen Alltag, der zugleich gewöhnlich und historisch ist.

2025-02-03 22_33_21-Marzena Sowa (@marzenasowa_) • Instagram-Fotos und -Videos

Marzena Sowa - https://www.instagram.com/marzenasowa_/

Eine Kindheit wie jede andere… oder doch nicht?

Auf den ersten Blick könnte Marzis Geschichte die eines ganz normalen Kindes sein: Eine Familie in einer standardisierten Wohnung, das Spielen mit Freunden im Treppenhaus, Wochenenden im Schrebergarten, Schule und Katechismus… Doch bald merkt man, dass ihr Alltag von den Besonderheiten eines kommunistischen Regimes geprägt ist. Engpässe, endlose Warteschlangen in leeren Geschäften, allgegenwärtige Propagandaslogans. Selbst die einfachsten Ereignisse bekommen eine soziale Dimension: die plötzliche Ankunft russischer Kühlschränke, die in einer einzigen Nacht von der gesamten Nachbarschaft gekauft werden, oder die obligatorische Maiparade, bei der die Behörden darauf achteten, dass jeder anwesend war.

Durch Marzis Erinnerungen erleben wir eine Realität, die wir als Leser als ein Kapitel der Geschichte begreifen, während es für sie einfach das Leben war. Solidarnosc, Papst Johannes Paul II., die wachsenden Spannungen zwischen Volk und Regierung – historische Ereignisse bilden den Hintergrund ihrer Kindheit. Marzena Sowa gelingt es meisterhaft, sowohl die Unschuld der Jugend als auch das Gewicht eines zerfallenden Systems zu vermitteln.

Eine Autobiografie als Comic: Ein mutiger Ansatz

Eine persönliche Geschichte in Comicform zu erzählen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Sie muss wie ein Buch strukturiert sein, während sie gleichzeitig eine starke visuelle Erzählung integriert. Die Zeichnungen begleiten nicht nur die Fakten, sie bringen sie zum Leben, geben ihnen eine Atmosphäre und eine emotionale Tiefe. Das Duo aus Marzena Sowa als Autorin und Sylvain Savoia als Zeichner funktioniert perfekt: ein einfacher, aber ausdrucksstarker Stil, klare Seitenkompositionen und eine fließende Erzählweise. Besonders gelungen ist die Integration eines Fotos der Autorin neben ihren gezeichneten Kindheitserinnerungen, wodurch die Geschichte noch greifbarer wird und es dem Leser erleichtert wird, sich mit ihr zu identifizieren.

Diese Wahl fasziniert mich, denn sie wirft eine zentrale Frage für jedes biografische Projekt auf: Wie teilt man persönliche Erfahrungen, ohne seine Privatsphäre zu verlieren? Über sich selbst zu schreiben, bedeutet, sich zu öffnen. Es erfordert großes Vertrauen in die eigene Geschichte – und in sich selbst –, um sie der Welt zu präsentieren. Die Aufrichtigkeit von Marzi ist eine wahre Lektion im Teilen.

Erinnerungen teilen oder bewahren?

Ich weiß nicht, ob es für Künstler einfacher ist, ihre Lebensgeschichte zu erzählen, aber Marzi beweist, dass eine persönliche Erzählung ein viel größeres Publikum erreichen kann, als man vielleicht denkt. Diese autobiografische Graphic Novel zeigt, dass Geschichte nicht nur in Schulbüchern zu finden ist, sondern auch in Kindheitserinnerungen, in den Details des Alltags und in den Geschichten, die wir erzählen – oder für uns behalten.

Und du? Würdest du bereit sein, deine Kindheitserinnerungen zu teilen?

📖 Wo kann man Marzi lesen?

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